Antike Fabriken in den französischen Pyrenäen

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Pyrenäen
Kataloniens berühmten Schuhe - wo kommen sie her?

Über die Berge – auf nach Frankreich!

Von der Costa Brava aus, liegt die französische Grenze nur ein Katzensprung entfernt. Wir machen einen Tag lang auf einen Roadtrip Richtung Pyrenäen. Das Dachfenster auf, Radio aufgedreht und endlich fische Bergluft in der Nase, scheint die Sonne und ein Hauch Tramontana weht uns durchs Haar. Ein Stück an der rauen Küste entlang, mit Blick auf den Horizont, wo Himmel und Meer aufeinander treffen. Dann durch die immergrünen Kork- und Steineichenwälder der Garrotxa. Und Zack – schon sind wir in den Pyrenäen. Die Landschaft strahlt in überraschend saftigem Grün. Wohltuend nach dem langen, heißen und trockenen Sommer am Meer. Mit tiefem Atemzug genießen wir die frische Bergluft. Die Glocken der Kühe bimmeln und auf den höchsten Gipfeln der Berge ist schon der erste Schnee zu entdecken.

Verschlafene Dörfer & Wochenmärkte in den Pyrenäen

Wir stoppen in verschlafenen kleinen Dörfern. Die Zeit scheint stehen geblieben. In Sant Pau de Segúries ist Wochenmarkt. Wir kaufen Käse, Tomaten, Wurst und Brot. Weiter geht es zum Jahrhunderte alten kleinen Bergstädtchen Camprodon. Wir sind verlockt, eine kleine Pause zu machen und spazieren durch den Ort. Am reißenden Río Ter entlang, über die Brücke mit dem bezaubernden Blick auf die Gipfel der Pyrenäen. Bunte Häuser, kleine Cafés und viele hübsche Läden mit den Produkten der Region laden zum Verweilen und Shoppen ein. Leckere Wurstwaren und Schinken, gut gereifter Käse von glücklichen Schafen, Ziegen und Kühen und handgemachte Brote aus dem Holzofen landen in unserem Einkaufskorb als Mitbringsel für zu Hause. Natürlich müssen auch die leckeren Kekse von Birba – die seit 1893 schon in Camprodon hergestellt werden – mit.

Wir trinken noch einen „Café con hielo“ – der erfrischend leichte Eiskaffee in Spanien – und weiter geht die Fahrt auf der Passstraße in Richtung Frankreich. Kurz vor ein Uhr machen wir einen kleinen Abstecher zum Dörfchen Espinavell, denn es ist Zeit für ein Mittagessen. Im Restaurant zu Füßen des Dorfes und der imposanten Berggipfel lockt bei jedem Ausflug das familiäre Restaurant „Les Planes“ mit regionaler Küche aus frischen Produkten der Region. Wir verspeisen einen frischen Bauernsalat und Forelle aus dem Fluss. Köstlich! Am Nachmittag überqueren wir den Pass und nähern uns dem heutigen Ziel: Saint-Laurent-de-Cerdans. Hier haben wir eine Besichtigung in den beiden kleinen historischen Fabriken des Ortes vereinbart.

Tradition und Handwerk: Wie die Fabriken entstanden

Les Toiles du Soleil“, die katalanische Stoffweberei, entstand Ende des 19. Jahrhunderts. Zu diese Zeit entwickelte sich Saint-Laurant-de-Cerdans zu einem der Orte, in dem die Textilindustrie und die Sandalenproduktion blühte. Kaum vorstellbar – aber selbst die Bergarbeiter trugen damals bei der Arbeit unter Tage die traditionellen katalanischen Schnür-Sandalen aus Stoff – Vigatanes genannt.

in den französischen Pyrenäen antike stofffabriken
Französische Dorfschönheit in den Pyrenäen

In der Stofffabrik, wurde die Tradition der katalanischen Weberei industrialisiert und hochwertige Stoffe aus Baumwolle und Leinen in den für die Region typischen Farben und Streifen gewebt. Das Unternehmen „Sans & Gracerie“ aus Saint-Laurent-de-Cerdans hatte damit großen Erfolg und machte sich mit gewebten Stoffen, geflochtenen Kordeln und Sandalenhandwerk einen Namen in ganz Katalonien. Im Jahr 1939 erreichte das Unternehmen seinen wirtschaftlichen Höhepunkt und erweiterte seine Produktpalette. Im Ladengeschäft der Weberei wurden von nun an nicht mehr nur Meterware verkauft, sondern auch fertige Tischtücher, Servietten, Kissenbezüge, Taschen und Vorhänge. Leider musste die Fabrik in der Nachkriegszeit wegen ökonomischer Schwierigkeiten schließen. Ab 1955 standen die Maschinen still und die Fabrikhallen leer.

Die Weberei heutzutage

..Doch zum Glück nicht für immer. Im Jahre 1993 kaufte das katalanische Ehepaar Henri und Françoise Quinta die ehemalige Fabrik und eröffnete die traditionelle Produktion neu. Henri Quinta, der heutzutage noch Leiter der Stoffweberei ist, studierte Kunst in Paris und lässt sich beim Design der Stoffe von archivierten Musterstücken inspirieren. Dennoch benötigte es eine Portion Mut, Innovation und Kreativität, um das Stoffdesign der heutigen Zeit und deren Trends anzupassen und sich auf dem hart umkämpften Textilmarkt neu zu etablieren. Die Produkte überzeugen erfolgreich mit Qualität – sind authentisch, klassisch und farbenfroh. Der Stil passt sowohl in französische und katalanische Landhäuser als auch auf die Terrassen der Ferienhäuser am Meer.

Die betagten Webstühle rattern auch heute bei unserem Besuch. Die sympathischen Gesichter der ArbeiterInnen vermitteln, man hat hier Freude am Handwerk und Produkt. Auch wir stöbern nach dem Besuch der Fabrik noch ausgiebig im Ladengeschäft und nehmen bunt gestreifte Stoffreste für Kissenbezüge und Strandtaschen mit nach Hause. Falls wir zu zögerlich eingekauft haben es gibt die Produkte auch unter www.toiles-du-soleil.com

Das Handwerk der Sandalen

Bei „Création catalane“, dessen Ateliers gleich nebenan in der ehemaligen Fabrikhalle für Espandrilles installiert sind, haben wir unseren nächster Termin. Die kleine Schuhfabrik schloss ebenfalls 1955. Aber im Februar 2008 wurde auch hier neu eröffnet. Für die Produktion der bequemen, farbenfrohen Schuhe werden ausschließlich die Stoffe von „Toiles du Soleil“ verwendet. Es handelt sich hier um eine der letzen Handwerksfirmen in den östlichen Pyrenäen. Man ist spezialisiert auf Espandrilles sowie auf die traditionellen katalanischen Sandalen „Vigatanes“, die weltberühmt wurden, da einst der surrealistische Künstler Salvador Dalí sie trug.

Die Wand vor der Schuhfabrik ist mit bepflanzten, bunten Sandalen aller Art geschmückt

Der kleine Schuhladen vor der Werkstatt brummt. Wir haben kaum eine Chance an die Regale zu gelangen. Natürlich wollen auch wir nicht nur den Erklärungen bei der Fabrikbesichtigung lauschen, sondern auch unbedingt Schuhe shoppen. Die Entscheidung bei soviel Farbenfreude ist nicht ganz leicht. Aber dann irgendwann haben alle eine Schuhkiste in der Hand. Und für diejenigen, die sich nicht vor Ort auf ein Modell festlegen konnten gibt es ja zum Glück den Onlineshop: www.espadrille-catalane.com
Auf dem Rückweg schaue ich nach oben, die Wolken hängen wie Zuckerwatte am blauen Himmel. Die Hummeln summen geschäftig um die lila blühenden Disteln herum. Langsam verschwindet die Sonne hinter dem Horizont. Der Spätsommer in der Region Costa Brava und den Pyrenäen bei Girona ist einfach fantastisch.

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