„Und plötzlich fühle ich mich ganz klein…“

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Die Strasse nach Setcasa ist jede Reise wert.

Und auf einmal fühle ich mich ganz klein. Endlose Weite entfaltet sich vor mir wie eine Landkarte, die Schatten der Wolken gleiten über die Wiesen wie schwarze Vögel. Ein großes Gemälde, gesprenkelt mit Bäumen und langsam vorbei ziehenden Kuhherden, die Luft ist so klar, dass ich mich kaum traue sie einzuatmen. Freiheit ist ein schlüpfriger Begriff, der immer wieder durch die Fingerspitzen gleitet, wenn man ihn zu fassen versucht. Eine tanzende Feder im Himmel unserer Wünsche quasi – alle sind auf der Suche nach ihr, doch keiner weiß, wo sie sich verbirgt. An diesem Ort habe ich plötzlich das Gefühl, einen flüchtigen Blick in ihr Gesicht erhaschen zu können.Ich war nie ein großer Liebhaber der Berge, ich habe immer der schroffen Küstenlandschaft und dem Anblick des grenzenlosen Meeres den Vorzug gewährt, doch hier schlägt mein Herz auf einmal höher.
Wir haben uns schon früh am Morgen aufgemacht zu dieser Tour in das felsige Herz der Costa Brava – das Wetter hätte nicht besser sein können, ich sitze in einem alten Auto, die Kühlbox auf der Rückbank ist gefüllt, der Fahrtwind schlägt mir ins Gesicht, der Geruch von frischgemähtem Grass und endlosen Sommertagen sickert durch die geöffneten Fenster. Unsere Route führt uns über  Castellfollit de la Roca durch die kleinen Bergdörfer Oix, Beget und Espinavell bis nach Setcasa, jenem winzigen Punkt auf der Karte, der einem Kaffeefleck inmitten grüner Fülle gleicht. Das Spektakel um die Pyrenäen war mir bisher nur aus Schilderungen in Reiseführern bekannt – jetzt erst kann ich es nachvollziehen. Schon in den Ortschaften, die wir passieren, treibt ein rustikalerer Charme sein Unwesen, anders als der, der mir in den Küstenstädten sooft begegnet ist. Alte Steingemäuer und Fachwerkhäuser stehlen sich gegenseitig die Show, an den Fassaden hängen bunte Blumenkästen, in die Restaurants haben sich erschöpfte Wanderer auf der Suche nach einer Stärkung verirrt. Von schmiedeeisernen Balkonen schauen die Bewohner auf die wenigen Besucher herab, die durch die schmalen Gassen streifen und immer wieder innehalten, um einen Blick auf die ausgedehnte Landschaft zu werfen. Auch ich kann meine Augen nicht länger als ein paar Sekunden abwenden. Selbst die unromantischste Person, wird in dieser Kulisse schwach.

Beget ist ein kleines, aber feines Nest inmitten der Berge.

Obwohl unsere Kühltasche schon bis zum Platzen gefüllt ist, können wir den nordischen Leckerbissen nicht widerstehen – frischgebackenes Brot, Hüttenkäse, geräucherter Schinken.  Ich bin zwar ein großer Verfechter von Meeresfrüchten und Fisch, aber das hier ist mindestens genauso gut.Nach einem Stop in Espinavell erreichen wir schließlich die Straße, die uns nach Setcasa führen wird. Wobei Straße vielleicht der falsche Begriff ist, vor uns liegt ein schmaler Schotterweg, der sich wie der Körper einer Schlange durch das Herz der Pyrenäen windet. Zwei Stunden wird die Fahrt dauern – wir brauchen drei, weil wir alle paar Minuten anhalten, um die Köpfe aus den Fenstern zu strecken.

Ein Rind grast am Strassenrand.

Und genau hier passiert es dann. Ich habe dieses Gefühl erst ein einziges Mal zuvor gehabt, bei einem sechstägigen Roadtrip entlang der Great Ocean Road in Australien, bei dem sich uns das schroffe Gesicht der Küste in seiner ganzen Ungeschliffenheit offenbarte, doch das hier übersteigt es fast noch. Inmitten dieser scheinbar endlosen Weite, verschwimmt die Grenze zur Natur vollständig und die Unermesslichkeit ihrer Macht wird mir schlagartig bewusst. Tatsächlich habe ich das Gefühl, das die hier gebotenen Eindrücke sich weder in meinem Kopf, noch in Worte fassen lassen. Ich könnte einfach nur in Trance verfallen und stundenlang aus dem Fenster starren.

Setcasa lockt mit alpinem Charme.

Nach zwei Stunden schubst uns schließlich Setcasa etwas unsanft wieder in die Realität zurück. Der  Feldweg geht in eine gepflasterte Schnellstraße über, 80 km/h kommt mir vor wie ein Formel Eins Rennen. Ich bin immer noch ein bisschen benommen – und gleichzeitig hüpft mein Herz vor Freude. Setcasa ist nicht weniger reizvoll als die Orte, die zuvor auf unserer Stecke lagen. Es scheint ein Anziehungspunkt für hungrige Wanderer zu sein, die Restaurants sind gefüllt, es gibt fast mehr Hotels als Wohnhäuser, auf dem Dorfplatz werden Käse, Honig und Mandeln verkauft. Es ist der perfekte Ort  für mich, um nach dieser Reise erstmal durchzuatmen und langsam wieder in die Zivilisation zurückzukehren. Auf der Rückfahrt werfe ich noch einen letzen Blick auf die Silhouette der Pyrenäen, die jetzt im blassen Dunst hinter uns liegt. Ich werde zurück kommen.

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